Historie und Philosophie

In eigener Sache: ein kurzer Blick in meine beruflichen Aktivitäten

Meine ursprüngliche Ausbildung war die Elektronik. Anfang der 1970er begann ich in der optischen Spektroskopie als Service-Ingenieur bei Perkin-Elmer und Varian, wo ich bald in Verkauf und Applikation wechselte. Dabei lernte ich registrierende Spektroskopie-Systeme, hauptsächlich für den UV-Vis-Bereich, von der Pike auf kennen: Absorptions- und Reflexionsspektroskopie, Fluoreszenz, Atom-Absorption, Raman, Zirkular-Dichroismus (CD) und weitere.
Mitte der 1970er wechselte ich zur damaligen Firma Princeton Applied Research, die 1978 von EG&G aufgekauft wurde und lange unter EG&G-PAR  geführt wurde. Hier arbeitete ich mit allen Arten der elektronischen Signalerfassung: Lock-In, Boxcar, Fourier-Transform, Signal-Averager, Photonen-Zähler. Weitere Produkte waren eine komplette Linie Geräte für die Elektrochemie und Magnetometer zur Probendefintion. PAR spielte technisch in der gleichen Liga wie Hewlett-Packard und Keithley. Zu dieser Zeit waren alle Methoden noch analog, wurden aber über die Zeit alle digitalisiert und computerisiert. Gut, wenn man mit beiden umgehen kann und die jeweiligen Stärken und Schwächen kennt. PAR hatte im Jahr 1974 zwei interessante Innovationen vorgestellt: das erste Mikroprozessor-basierte Analysengerät überhaupt, ein automatischer Polarograph und den optischen Multi-Kanal-Detektor (OMA), den Vorläufer der Array- und CCD-Detektoren, erfunden und war im Marketing und der Applikation sehr aktiv. Es war schön, dabei zu sein und Kenntnisse der Signalerfassung mit denen der Spektroskopie zu kombinieren. 1981 installierte ich das erste kommerzielle Raman-System mit paralleler Detektion, zumindest in Deutschland. In den folgenden Jahren durfte ich eine Anzahl für Kunden zugeschnittener Spektroskopie-Systeme realisieren.
Allerdings kam in den 1980ern auch das aufkaufen, auspressen und filetieren von kleinen High-Tech-Firmen immer mehr in Schwung, man nennt das heute "investieren" oder "mergen". Ende der Dekade musste ich erkennen, dass die innovative und gute Zeit bei EG&G-PAR zu Ende gehen würde und wechselte. 1991 gründete ich für die französische Firma SOPRA eine GmbH und leitete sie bis 1998. Die originären Produkte waren ultra-hochauflösende Spektrometer in Einfach- und Doppelaufbau mit bis zu 2 m Fokuslänge pro Durchgang und unangefochtenen Leistungen. Sopra war daneben auch Technologieführer in der Spektral-Ellipsometrie, die dritte Produktlinie waren Excimerlaser für die Oberflächenbearbeitung. Das Produktprogramm der Sopra GmbH ergänzten wir mit Spektrometern von Acton Research (ARC), USA. Diese haben kürzere Brennweiten und sind sehr gut in das normale Labor und vorhandene Aufbauten zu integrieren und eignen sich besonders gut zum Aufbau spezieller System, was auch laufend geschah. Weitere Standbeine der Sopra GmbH waren SLM-Aminco, USA, Pionier für stationäre und zeitauflösend arbeitenden Fluoreszenz-Systemen und Zwei-Wellenlängen-Spektrometern für dynamische Absorptionsvorgänge wie Stopped Flow. AVIV, eine US-Firma, die die berühmten Cary-Spektrometer für UV-Vis-NIR-Relativspektroskopie und CD aufkauft und neue Geräte daraus macht, wurde von uns vertreten und  noch weitere Spektroskopiezubehörfirmen. Es lief gut, bis Sopra SA 1996 seine strategische Ausrichtung  dahingehend änderte, dass Spektroskopie und Labor-Ellipsometrie zurücktraten. Der Schwerpunkt war nun die Charakterisierung von industriellen Halbleiter-Zwischenprodukten für Flachbildschirme. Das angepeilte Marksegment in Deutschland ist nicht groß genug, der GmbH eine Zukunft zu bieten und das Büro wurde geschlossen. Deshalb wechselte ich 1998 mit SLM und ARC zur Polytec GmbH, wo neben dem Vertrieb von externen Produkten der Plan bestand, eine  eigene Spektroskopielinie aufzubauen.
Leider machten sich bei den vertretenen US-Firmen wieder die oben erwähnten Besitzwechsel so bemerkbar, wie es meist ist: zum Nachteil der Kunden, Mitarbeiter und eigentlich auch die Eigentümer, die wollen es nur nicht merken und wechseln fleißig Manager. Dass diese oft inkompetent, ignorant und egoistisch sind, kommt den Holdings zupass, die kennen es leider auch nicht anders, haben doch die Köpfe das gleiche gelernt und meinen teils ernsthaft, den wahren Weg zu kennen. Wenn bei den Managern dann noch fachliche und soziale Inkompetenz dazu kommt, setzen die locker die "Ideen" der Holdings um. Für die meisten wirklich kompetenten und engagierten Leute in den Firmen war´s das dann und so dreht sich die Spirale immer schneller nach unten. SLM-Aminco wurde in den 1990er Jahren drei Mal verkauft, dabei wurde das Programm auch immer weiter "gestrafft" und verschwand 2002 ganz.

ARC ging etwa parallel zu meinem Wechsel aus Privatbesitz an die Roper Industries Firmengruppe. Weil die ARC-Produkte mittlerweile mein Hauptgeschäft waren, nahm ich an, als man mir Anfang 2000 anbot, mit der ARC-Vertretung zur deutschen GmbH von Roper Scientific (RS), deren Schwerpunkt wissenschaftliche CCD-Kameras sind, zu wechseln. Nun waren diese mit flexiblen, hochqualitativen Spektrometern vereint, RS-Princeton Instruments (PI) war aus EG&G-PAR hervor gegangen und man kannte sich bereits. Der gesamte RS-Scientific-Bereich der Kamera- und Spektroskopie-Technik wurde übrigens 2019 von Roper an Teledyne Technologies verkauft, blieb aber immerhin als Produktgruppe erhalten. Mit der Kombination PI/ARC und kommerziellen Detektoren, Lichtquellen und weiterem Zubehör konnten die meisten Kundenwünsche im Systembereich direkt erfüllt werden. Bei besonderen Anforderungen konnte ich meine Kenntnisse kombinieren und Systeme definieren, aufbauen, mit den Kunden in Gang setzten und Applikationen fahren. Bei dieser, sich über ca. 20 Jahre hinstreckenden "Systemntätigkeit" kam immer wieder die Frage nach sinnvoller Literatur zur optischen Spektroskopie auf. Man findet tief greifende Schriften über die Theorie, die aber nicht anwendungsbezogen sind.  Man findet "Kochbücher", bei denen es an Hintergrundinformation mangelt. Das Bindeglied für den praktischen Anwender haben viele Anwender umsonst gesucht. So mancher Kunde forderte mich auf, dieses Bindeglied zu schreiben. Damit habe ich nach dem Ausscheiden aus dem regulären Arbeitsleben im Jahr 2008 begonnen und veröffentliche das "Buch über dispersive optische Spektroskopie mit modularen Systemen" als kostenlosen Teil dieser  Homepage. Inzwischen sind alle Themen, die sich mit den Spektrometer-Systemen und deren Anwendungen beschäftigen, in vier Bücher geflossen. Diese sind auf der Startseite genannt.
Die Spektroskopie hat mir viel gegeben, hoffentlich kann ich der spektroskopischen Gesellschaft auf diesem Weg etwas zurück geben.

Mit besten Wünschen, Wilfried Neumann
 

Alle Urheberechte für  "spectra-magic.de" und  "Optische Spektroskopie mit dispersiven Spektrometern Grundlagen - Bausteine - Systeme - Anwendungen" liegen bei Wilfried Neumann, D-88171 Weiler-Simmerberg.